06 Jan. Folge 139 | Sichern mit Gewichtsunterschied / Ohmega & Ohm

Worauf es wirklich ankommt und meine Erfahrungen mit dem Edelrid Ohmega
Beim Sichern mit Gewichtsunterschieden gibt es immer wieder Unsicherheiten. Wie groß darf der Gewichtsunterschied überhaupt sein? Ab wann brauche ich zusätzliche Hilfsmittel? Und welche Unterschiede gibt es zwischen den verschiedenen Lösungen auf dem Markt?
In den letzten Jahren hat sich bei diesem Thema einiges verändert. Gleichzeitig habe ich selbst viele Erfahrungen gesammelt – sowohl mit klassischen Lösungen als auch mit dem Edelrid Ohm und inzwischen mit dem neuen Edelrid Ohmega. Genau diese Erfahrungen möchte ich hier teilen und erklären, worauf es beim Sichern mit Gewichtsunterschied wirklich ankommt.
Warum Gewichtsunterschiede beim Sichern nicht unterschätzt werden sollten
Früher lautete die Lehrmeinung des DAV, dass beim Vorstieg ein Faktor von 1,3 und beim Toprope ein Faktor von 1,5 beim Gewichtsunterschied akzeptabel sei. Mit anderen Worten: Wer beispielsweise 50 Kilogramm wiegt, sollte im Toprope theoretisch auch jemanden mit 75 Kilogramm sichern können. In der Praxis zeigt sich allerdings schnell, dass diese Werte häufig zu hoch angesetzt sind. Wer schon einmal einen deutlich schwereren Partner gesichert hat, merkt schnell, wie stark man selbst nach oben gezogen wird. Besonders im Vorstieg kann das schnell unangenehm werden. Dabei spielt nicht nur der Gewichtsunterschied eine Rolle, sondern auch das absolute Körpergewicht.
Warum das Körpergewicht ebenfalls entscheidend ist
Ein Aspekt, der häufig vergessen wird: Zehn Kilogramm Unterschied fühlen sich nicht für jeden gleich an. Wenn zwei Personen jeweils etwa 40 Kilogramm wiegen und eine davon den anderen sichert, entsteht eine ganz andere Dynamik als bei zwei Personen mit jeweils 80 Kilogramm Körpergewicht. Ich wiege ungefähr 74 Kilogramm und habe es früher überhaupt nicht gemocht, jemanden mit einem ähnlichen Gewicht im Vorstieg zu sichern. Dabei wurde ich regelmäßig mehrere Meter nach oben gezogen. In manchen Hallen mussten wir deshalb sogar die erste Exe auslassen, weil ich bis über die erste Zwischensicherung hinausgeschossen bin.
Das bringt gleich mehrere Probleme mit sich:
- Der Sturzweg des Kletterers verlängert sich zusätzlich.
- Die Verletzungsgefahr des Sichernden steigt.
Toprope und Vorstieg unterscheiden sich deutlich
Beim Toprope sieht die Situation etwas entspannter aus. Als Trainer habe ich mich beispielsweise auch schon von Kindern sichern lassen, die nur etwa 35 bis 40 Kilogramm gewogen haben. Solange das Seil straff war und keine großen Sprünge ins Seil entstanden sind, funktionierte das problemlos. Schwieriger wurde dagegen häufig das Ablassen. Durch den großen Gewichtsunterschied wird die sichernde Person ständig nach oben gezogen, wodurch das Ablassen ruckelig werden kann. Für kurze Demonstrationen war das für mich kein Problem. Im normalen Kletteralltag ist eine zusätzliche Unterstützung aber deutlich angenehmer.
Ab wann sollte ich eine zusätzliche Sicherungshilfe verwenden?
Heute gilt als gute Faustregel: Spätestens ab etwa zehn Kilogramm Gewichtsunterschied sollte eine zusätzliche Sicherungshilfe verwendet werden. Diese Empfehlung finde ich deutlich praxisnäher als die früheren Faktoren. Trotzdem lohnt es sich immer, das eigene Körpergewicht mit einzubeziehen. Wenn ich selbst nur 40 Kilogramm wiege und eine Person mit 50 Kilogramm sichere, fühlt sich das ganz anders an, als wenn ich 75 Kilogramm wiege und jemanden mit 85 Kilogramm sichere. Ich persönlich würde heute niemanden mit ungefähr 85 Kilogramm ohne zusätzliche Unterstützung sichern wollen.
Meine Erfahrungen mit dem Edelrid Ohm
Das Edelrid Ohm begleitet uns inzwischen seit vielen Jahren. In dieser Zeit hat es das Sichern mit großem Gewichtsunterschied deutlich angenehmer gemacht. Im Vergleich zu früheren Lösungen wie einer Fixpunktsicherung war das ein enormer Fortschritt. Wichtig ist allerdings, dass man nicht direkt unter dem Gerät steht. Läuft das Seil nahezu gerade hinein und wieder heraus, kann die Bremswirkung verloren gehen. Edelrid weist selbst darauf hin, dass man leicht versetzt zur ersten Zwischensicherung stehen sollte. Bei uns ist dieses Problem mit dem Ohm in all den Jahren nie aufgetreten. Ich kenne allerdings Berichte von Kletterern, bei denen das Seil tatsächlich einmal nahezu ungebremst durchgelaufen ist.
Meine Erfahrungen mit dem Edelrid Ohmega
Seit einigen Monaten nutzen wir das neue Edelrid Ohmega und konnten dadurch bereits viele Eindrücke sammeln. Direkt bei der zweiten Route ist mir allerdings etwas aufgefallen: Als ich gefallen bin, lief das Seil ungebremst durch das Gerät, meine Seilpartnerin stand hier fast direkt unter dem Ohmega. Ob das Ohmega dafür tatsächlich anfälliger ist als das Ohm, kann ich aktuell noch nicht sicher beurteilen. Dafür möchte ich beide Geräte zukünftig noch einmal direkt miteinander vergleichen. Sobald man allerdings leicht versetzt unter dem Ohmega steht, arbeitet das Gerät aus meiner Erfahrung hervorragend.
Der große Vorteil: Die Bremswirkung lässt sich anpassen
Was mir am Ohmega besonders gefällt, ist die einstellbare Bremswirkung. Je nach Gewichtsunterschied kann ich unterschiedliche Stufen wählen. Dadurch lässt sich das Sicherungsverhalten viel besser an die jeweilige Seilschaft anpassen. Als ich beispielsweise mit meinem Bruder geklettert bin, haben wir die niedrigste Bremsstufe verwendet. Dadurch wurde er nur leicht angehoben und konnte trotzdem angenehm dynamisch sichern.
Beim Ohm gibt es dagegen nur eine feste Bremswirkung. Das kann dazu führen, dass Stürze bei geringerem Gewichtsunterschied unnötig hart werden. Gerade bei Liz und mir, obwohl unser Gewichtsunterschied sehr groß ist, hatte ich mit dem Ohm gelegentlich etwas härtere Stürze. Dieses Gefühl hatten wir mit dem Ohmega bisher nicht.
Deutlich leichter und damit auch für Mehrseillängen interessant
Ein weiterer großer Unterschied ist das Gewicht.
- Ohm: ursprünglich etwa 480 Gramm.
- Ohm II: etwa 450 Gramm.
- Ohmega: nur rund 190 Gramm.
Gerade bei längeren Zustiegen oder Mehrseillängen macht das einen enormen Unterschied. Das Ohm haben wir bei Mehrseillängen praktisch nie mitgenommen. Das zusätzliche Gewicht war einfach zu hoch. Stattdessen hat Liz häufig über eine Fixpunktsicherung gesichert. Mit dem Ohmega überlegen wir dagegen gar nicht mehr. Es verschwindet einfach am Gurt und fällt beim Tragen kaum noch auf. Dadurch können wir auch in Mehrseillängen wieder ganz normal über die Körpersicherung sichern, was sich deutlich angenehmer anfühlt.
Angenehmeres Handling im Kletteralltag
Im Alltag sind uns noch weitere Unterschiede aufgefallen. Beim Ohm kam es gelegentlich vor, dass das Gerät nach einem Sturz blockiert blieb. Dann musste zuerst wieder Seil entlastet und teilweise sogar am Seil gerüttelt werden, bevor ich weiterklettern konnte. Beim Ohmega löst sich diese Blockierung deutlich schneller von selbst.
Auch beim schnellen Seilausgeben macht sich das bemerkbar. Gerade in schwierigen Kletterpassagen, wenn ich möglichst schnell Seil brauche, blockierte das Ohm gelegentlich etwas früher. Mit dem Ohmega konnten wir dieses Verhalten bisher nicht beobachten. Das Seil lässt sich deutlich flüssiger ausgeben.
Ein Punkt, den ich weiter beobachten werde
Eine Besonderheit des Ohmega ist die verbaute Dyneema-Schlinge. Grundsätzlich finde ich die Lösung gut. Noch besser finde ich, dass diese Schlinge künftig separat erhältlich sein soll und sich austauschen lässt. Gerade bei einem Gerät, das viele Jahre genutzt wird, ist das aus meiner Sicht eine sinnvolle Lösung. Verschleißt die Schlinge oder wird sie mechanisch beschädigt, muss nicht gleich das komplette Gerät ersetzt werden. Natürlich sollte die Schlinge trotzdem regelmäßig kontrolliert werden. Gerade wenn sie häufig an Bohrhaken oder anderen Kanten entlangläuft, kann ein früherer Austausch notwendig werden.
Fazit: Die richtige Sicherung sorgt für mehr Sicherheit und Komfort
Große Gewichtsunterschiede sollten beim Klettern niemals unterschätzt werden. Schon wenige Kilogramm können das Sicherungsverhalten deutlich verändern. Deshalb lohnt es sich, frühzeitig über eine geeignete Sicherungshilfe nachzudenken. Nach vielen Jahren mit dem Edelrid Ohm und den ersten Monaten mit dem Ohmega sehe ich beim Ohmega aktuell einige Vorteile – vor allem durch das geringere Gewicht, die einstellbare Bremswirkung und das angenehmere Handling im Kletteralltag.
Unabhängig davon gilt aber immer: Achte auf eine saubere Sicherungstechnik, positioniere dich richtig zur ersten Zwischensicherung und passe deine Sicherungsmethode an eure individuelle Seilschaft an.
Ich wünsche dir viel Spaß und vor allem sichere Klettertage. Und denk immer daran: Was immer hilft, ist einfach festhalten!
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