Folge 155 | Ringbandverletzung – Nachbehandlung

Folge 155 | Ringbandverletzung – Nachbehandlung

Die richtige Nachbehandlung für eine sichere Rückkehr an die Wand

Ringbandverletzungen gehören zu den häufigsten Fingerverletzungen im Kletter- und Bouldersport. Trotzdem werden sie oft unterschätzt. Immer wieder melden sich Kletterer bei mir, die nach einer Ringbandruptur wieder ins Training einsteigen möchten und sich fragen, wie die Nachbehandlung eigentlich aussehen sollte. Genau hier passieren häufig Fehler. Wer eine Ringbandverletzung zu früh wieder belastet oder nicht richtig behandelt, riskiert langfristige Bewegungseinschränkungen. Deshalb lohnt es sich, das Thema ernst zu nehmen und die Heilung Schritt für Schritt anzugehen.

Was Ringbänder überhaupt sind

Bevor wir über die Verletzung sprechen, sollten wir uns anschauen, welche Aufgabe Ringbänder eigentlich haben. Die Beugesehnen verlaufen vom Unterarm bis in die Fingerspitzen und ermöglichen es uns, die Finger zu beugen. Die Ringbänder halten diese Sehnen dicht am Knochen. Dadurch kann die Kraft sauber übertragen werden und wir können Griffe sicher halten.

An jedem Finger befinden sich mehrere Ringbänder:

  • A1 am Grundgelenk
  • A2 zwischen Grund- und Mittelgelenk
  • A3 am Mittelgelenk
  • A4 zwischen Mittel- und Endgelenk
  • A5 am Endgelenk

Gerade das A2-Ringband reißt bei Kletterern besonders häufig.

Warum eine Ringbandverletzung nicht unterschätzt werden sollte

Wie wichtig eine gute Nachbehandlung ist, habe ich auch im eigenen Umfeld erlebt. Bei meiner Mutter ist vor einigen Jahren das A2-Ringband gerissen. Weil die Verletzung zunächst nicht richtig nachbehandelt wurde, konnte sie ihren Finger später weder vollständig beugen noch komplett strecken. Erst eine längere therapeutische Behandlung hat die Beweglichkeit deutlich verbessert. Ganz verschwunden ist die Einschränkung allerdings bis heute nicht. Genau deshalb empfehle ich, eine Ringbandverletzung nicht einfach auszusitzen oder nur zu tapen und weiterzuklettern.

Typische Anzeichen einer Ringbandverletzung

Eine Ringbandruptur macht sich häufig durch ein deutliches Schnalzen oder Knallen bemerkbar. Bei manchen ist das Geräusch sehr laut, bei anderen fällt es deutlich leiser aus. Je nach Verletzung kann es sich um eine Teilruptur oder um einen vollständigen Riss handeln. Eine Teilruptur heilt in der Regel deutlich besser als eine komplette Ruptur. Ist zusätzlich das A3-Ringband betroffen, kann das sogenannte Bowstring-Phänomen auftreten. Dabei hebt sich die Beugesehne beim Beugen des Fingers sichtbar vom Knochen ab und verläuft wie eine gespannte Bogensehne. Spätestens dann solltest du die Verletzung ärztlich untersuchen lassen.

So wird eine Ringbandruptur diagnostiziert

Zur Diagnose gehören verschiedene Untersuchungen. Dazu zählen:

  • ein Beweglichkeitstest
  • ein dynamischer Ultraschall
  • bei Bedarf ein MRT zur Bestätigung der Diagnose

Zeigt sich bereits das Bowstring-Phänomen, ist die Diagnose meist eindeutig.

Warum ich einen erfahrenen Arzt empfehle

Nicht jeder Orthopäde hat regelmäßig mit Ringbandverletzungen bei Kletterern zu tun. Deshalb empfehle ich, wenn möglich einen Spezialisten aufzusuchen. Ich habe erlebt, dass einem Kletterer nach einer Ringbandverletzung vier Wochen komplette Ruhigstellung empfohlen wurden. Genau das kann allerdings neue Probleme verursachen. Werden Finger und Gelenke über mehrere Wochen überhaupt nicht bewegt, können sie versteifen und die Rehabilitation deutlich erschweren. Deshalb sollte die Nachbehandlung immer gemeinsam mit einem erfahrenen Arzt und einer Ergotherapeutin oder einem Ergotherapeuten erfolgen.

Ich selbst orientiere mich bei den folgenden Empfehlungen am Nachbehandlungsleitfaden der Sozialstiftung Bamberg. Er ersetzt natürlich keine individuelle Behandlung, gibt aber eine gute Orientierung.

Wie lange dauert die Heilung?

Bei einer konservativen Behandlung einer einzelnen A2-, A3- oder A4-Ringbandruptur solltest du ungefähr vier bis sechs Monate Heilungszeit einplanen. Sind mehrere Ringbänder gerissen oder liegt ein ausgeprägtes Bowstring-Phänomen vor, kann eine Operation notwendig werden. In diesen Fällen dauert die Heilung entsprechend länger. Der Leitfaden empfiehlt eine Immobilisation von weniger als fünf Tagen. Nach einer Operation beträgt die postoperative Ruhigstellung etwa vierzehn Tage.

Der Ringbandschutz spielt eine wichtige Rolle

Nach der Verletzung wird in der Regel ein individueller Ringbandschutz angefertigt. Dieser Kunststoffring wird von Ergotherapeuten an den Finger angepasst und soll das verletzte Ringband entlasten. Der Schutzring wird normalerweise sechs bis acht Wochen getragen. Abgenommen wird er lediglich kurzzeitig, um die Haut zu pflegen. Während dieser Zeit ist allgemeines Krafttraining durchaus möglich, solange der verletzte Finger geschont wird.

Beispielsweise kannst du weiterhin:

  • Beintraining durchführen
  • Core trainieren
  • viele Übungen für den Oberkörper ausführen, solange der Finger nicht belastet wird

Belastungen wie Klimmzüge oder andere Übungen mit starkem Druck auf das Ringband solltest du dagegen zunächst vermeiden.

Schritt für Schritt zurück ins Training

Die Belastung sollte langsam gesteigert werden.

Woche 1 bis 2

  • vorsichtige Mobilisation
  • aktive Bewegungen ohne größere Belastung

Woche 3 bis 4

  • leichtes konzentrisches Training
  • leichtes exzentrisches Training
  • nur minimaler Widerstand

Woche 5 bis 6

  • vorsichtige Kräftigung
  • Belastung langsam steigern
  • Training mit Ringbandschutz

Bei multiplen Rupturen können ab Woche sieben bis acht erste leichte Hängeübungen an Slopern sowie vorsichtiges Klettern beginnen. Klimmzüge sollten in dieser Phase mit H-Tape und nicht mit dem Schutzring durchgeführt werden. Alle Zeitangaben sind natürlich nur eine Orientierung. Wie schnell dein Ringband heilt, hängt immer von der Art der Verletzung und deinem individuellen Heilungsverlauf ab.

Wann kann ich wieder klettern?

Ab ungefähr dem vierten Monat kann eine Rückkehr zum Klettern bzw. Bouldern möglich sein. Außerdem empfehle ich, das Ringband auch nach der eigentlichen Heilung weiter mit H-Tape zu unterstützen. Bei multiplen Ringbandverletzungen sollte das Tape mindestens ein weiteres Jahr getragen werden. Auch nach einer einzelnen A2-Ringbandruptur halte ich es für sinnvoll, beim Klettern und Fingerkrafttraining mindestens drei Monate, besser sogar bis zu zwölf Monate, H-Tape zu verwenden.

Warum Open Crimp die Ringbänder entlastet

Beim Wiedereinstieg spielt auch die Grifftechnik eine Rolle. Der Open Crimp belastet die Ringbänder deutlich weniger als Half Crimp oder Full Crimp. Der Grund ist einfach: Die Ringbänder müssen die Beugesehne beim offenen Griff wesentlich weniger umlenken. Deshalb eignet sich der Open Crimp besonders gut für den langsamen Wiedereinstieg ins Klettern.

Fazit: Geduld zahlt sich aus

Eine Ringbandverletzung braucht Zeit. Wer zu früh wieder voll belastet oder die Nachbehandlung auf die leichte Schulter nimmt, riskiert langfristige Probleme. Mein Rat ist deshalb ganz klar: Suche dir frühzeitig einen erfahrenen Arzt, arbeite mit einer Ergotherapeutin oder einem Ergotherapeuten zusammen und steigere die Belastung Schritt für Schritt. So gibst du deinem Ringband die besten Voraussetzungen, wieder vollständig zu heilen und langfristig schmerzfrei klettern zu können.

Ich wünsche dir eine schnelle Genesung und viel Freude beim Klettern und Bouldern. Und denk daran: Was immer hilft, ist einfach festhalten!



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