Folge 156 & 157 | Bohrhaken im Check

Folge 156 & 157 | Bohrhaken im Check

Wie sicher sind unsere Klettergebiete wirklich?

Wie sicher sind Bohrhaken eigentlich? Diese Frage stellen sich die meisten Kletterer erst dann, wenn etwas passiert. Lange galt der Grundsatz: Ein Bohrhaken hält. Genau dieses Vertrauen ist auch wichtig, denn permanentes Misstrauen würde das Klettern im Fels unnötig erschweren. Trotzdem zeigen aktuelle Ereignisse, dass sich ein genauerer Blick lohnt.

Gemeinsam mit Simon von der IG Klettern sprechen wir darüber, welche Bohrhaken überhaupt verwendet werden, warum Material und Umgebung eine entscheidende Rolle spielen und woran man erkennt, ob eine Absicherung noch vertrauenswürdig ist. Dabei geht es nicht um Materialwissenschaft bis ins letzte Detail, sondern um verständliches Wissen, das jeder Kletterer draußen am Fels gebrauchen kann.

Wer ist die IG Klettern?

Simon ist dritter Vorstand der IG Klettern Frankenjura, Fichtelgebirge und Bayerischer Wald. Die Interessengemeinschaft kümmert sich ehrenamtlich darum, naturverträgliches Klettern zu ermöglichen. Dazu gehören unter anderem Kletterkonzepte, Vogelschutz, Sperrzeiten, Neuerschließungen und die Sanierung bestehender Routen. Gerade das Thema Rebolting, also das Ersetzen alter Sicherungen, gehört zu den Aufgaben, die häufig im Hintergrund stattfinden und von vielen Kletterern kaum wahrgenommen werden. Dabei ist genau diese Arbeit entscheidend dafür, dass wir auch in Zukunft sicher draußen klettern können.

Warum wir überhaupt über Bohrhaken sprechen

Der eigentliche Anlass dieser Folge war ein tragischer Unfall auf Kalymnos. Dort rissen mehrere Bohrhaken aus der Wand, wodurch ein Kletterer tödlich abstürzte. Besonders erschreckend war, dass die Haken von außen gar nicht besonders schlecht aussahen. Gebrochen war letztlich die Schraube im Inneren – genau der Teil, den man als Kletterer nicht sehen kann. Seitdem beschäftigt uns die Frage, wie sicher die Absicherung im Fels tatsächlich ist.

Link: Bohrhaken vom Unfall auf Kalymnos

Gerade in Küstenregionen sehen wir immer wieder Haken, die äußerlich noch akzeptabel wirken, im Inneren jedoch bereits stark angegriffen sein können. Gleichzeitig gibt es auch Klettergebiete, in denen der Zustand der Absicherung so offensichtlich schlecht ist, dass wir gar nicht erst einsteigen.

Welche Bohrhaken gibt es überhaupt?

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Spreizdübeln und Klebehaken. Beim Spreizdübel wird eine Schraube angezogen, die den Dübel im Bohrloch aufspreizt. Dieses System ist in vielen Klettergebieten weit verbreitet. Klebehaken funktionieren dagegen anders. Hier wird der Haken vollständig mit Spezialkleber im Bohrloch verklebt. Dadurch entsteht eine dauerhafte Verbindung zwischen Fels, Kleber und Haken. Je nach Gestein und Einsatzgebiet haben beide Systeme ihre Berechtigung.

Das Material entscheidet über die Lebensdauer

Mindestens genauso wichtig wie die Bauform ist das verwendete Material.

Im Klettersport findet man heute vor allem:

  • verzinkten Stahl
  • Edelstahl A2
  • Edelstahl A4
  • Duplexstahl
  • HCR-Stahl
  • Titan

Dabei gilt grundsätzlich: Je hochwertiger das Material und je besser es an die Umgebung angepasst ist, desto länger hält der Bohrhaken. Während verzinkter Stahl in ungünstigen Bedingungen bereits nach wenigen Jahren erhebliche Schäden aufweisen kann, erreichen hochwertige Titanhaken selbst in direkter Meeresnähe Lebensdauern von deutlich über fünfzig Jahren.

Link: Bohrhaken und ihr Material

Rost und Korrosion sind nicht dasselbe

Viele verwenden beide Begriffe synonym, tatsächlich beschreiben sie aber unterschiedliche Vorgänge. Rost entsteht, wenn Eisen oder Stahl mit Wasser und Sauerstoff reagieren. Das Material wird dabei nach und nach abgebaut. Korrosion kann dagegen auch dann entstehen, wenn zwei unterschiedliche Metalle miteinander kombiniert werden. Liegen beispielsweise verschiedene Edelstähle oder Aluminium und Edelstahl direkt aufeinander und kommt zusätzlich Feuchtigkeit hinzu, beginnt das unedlere Material sich langsam aufzulösen. Genau deshalb spielt die Materialkombination eine so große Rolle.

Das Problem mit Materialmix

In der Praxis werden leider immer wieder verschiedene Materialien miteinander kombiniert. So kann beispielsweise eine hochwertige Edelstahl-Lasche mit einem weniger korrosionsbeständigen Spreizdübel verbunden sein. Von außen sieht der Bohrhaken völlig unauffällig aus, während die Schraube im Inneren bereits erheblich geschwächt ist. Genau darin liegt die eigentliche Gefahr. Viele Schäden entstehen unsichtbar im Bohrloch und werden oft erst bemerkt, wenn der Haken unter Belastung versagt. Auch Schraubglieder oder dauerhaft eingehängte Karabiner können Korrosion fördern, wenn sie aus einem ungeeigneten Material bestehen.

Warum Klebehaken oft die bessere Wahl sind

Gerade in Meeresnähe haben Klebehaken einen entscheidenden Vorteil. Da das Bohrloch vollständig mit Kleber ausgefüllt wird, gelangen deutlich weniger Feuchtigkeit und Sauerstoff an den eigentlichen Haken. Dadurch wird Korrosion im Inneren erheblich reduziert. Bei Spreizdübeln bleibt dagegen immer ein Hohlraum bestehen, in den Wasser eindringen kann. Genau dort entstehen häufig die Schäden, die von außen nicht sichtbar sind.

Nicht jedes Gestein ist gleich

Welcher Bohrhaken verwendet wird, hängt nicht nur vom Material, sondern auch vom Fels ab. Im Frankenjura werden überwiegend Klebehaken eingesetzt, da der Kalkstein häufig schichtig aufgebaut ist und Spreizdübel dort Nachteile haben können. In Granit oder kompaktem Alpenfels funktionieren Spreizdübel dagegen oftmals sehr zuverlässig, weil das Gestein deutlich homogener ist. Entscheidend ist also immer die Kombination aus Gestein, Umgebung und geeignetem Material.

Titan statt Edelstahl?

Ein spannendes Beispiel liefert die Entwicklung von Titanhaken. Hintergrund war die Beobachtung, dass selbst hochwertige A4-Edelstahlhaken in Küstenregionen teilweise schon nach wenigen Jahren ersetzt werden mussten. In manchen Gebieten geschah das mehrfach innerhalb von zwanzig Jahren – obwohl die Felsen teilweise viele Kilometer vom Meer entfernt lagen. Der Grund dafür ist nicht nur die salzhaltige Luft. Auch Industriegebiete oder sogar bestimmte Eigenschaften des Gesteins können Korrosion beschleunigen. In einigen Felsarten wurden beispielsweise erhöhte Sulfatwerte gefunden, die bestimmten Bakterien ermöglichen, Edelstahl anzugreifen. Von außen lässt sich so etwas praktisch nicht erkennen. Genau aus diesem Problem heraus entstanden Titanhaken. Sie sind deutlich widerstandsfähiger gegen Korrosion und gelten gerade in Meeresnähe inzwischen als die langlebigste Lösung.

Fels bleibt Natur

Auch mit modernen Bohrhaken bleibt Klettern draußen ein Natursport. Jeder Fels ist anders, selbst benachbarte Wände können völlig unterschiedliche Eigenschaften besitzen. Deshalb gibt es nie die absolute Sicherheit wie in einer Kletterhalle. Gerade im alpinen Gelände gehört dieses Restrisiko einfach dazu. Sicherungspunkte können sorgfältig gesetzt sein, trotzdem bleibt der Fels selbst ein natürlicher Werkstoff, der sich nicht normieren lässt.

Warum manche Gebiete problematischer sind als andere

In stark frequentierten Klettergebieten kümmern sich häufig Vereine oder lokale Organisationen um die Sanierung alter Haken. Dort werden Routen regelmäßig kontrolliert und bei Bedarf erneuert. Anders sieht es in vielen kleineren Gebieten aus. Dort werden Routen oft von Einzelpersonen eingerichtet. Nach einigen Jahren fühlt sich dann häufig niemand mehr verantwortlich. Gerade in Küstenregionen kann das problematisch werden, weil Korrosion dort deutlich schneller voranschreitet. Deshalb lohnt sich immer auch der Blick auf das Gebiet selbst. Ist es ein viel besuchter Klettergarten oder wirkt alles verlassen und seit Jahren nicht mehr gepflegt? Auch das kann Hinweise darauf geben, wie wahrscheinlich regelmäßige Kontrollen sind.

Sanieren kostet Zeit – und Geld

Eine Route zu sanieren bedeutet deutlich mehr, als einfach einen neuen Haken einzukleben. Alte Haken müssen entfernt, neue fachgerecht gesetzt und die ursprüngliche Linienführung möglichst erhalten werden. Das kostet Zeit, Erfahrung und Material. Viele dieser Arbeiten werden ehrenamtlich durchgeführt. Vereine stellen häufig das Material bereit, während die eigentliche Arbeit in der Freizeit passiert. Ohne dieses Engagement gäbe es viele sichere Klettergebiete heute nicht mehr.

Billiges Material wird später teuer

Ein interessanter Punkt betrifft die Materialkosten. Hochwertige Titan-Klebehaken sind heute teilweise günstiger als besonders hochwertige Edelstahlvarianten und halten gleichzeitig deutlich länger. Der eigentliche Unterschied zeigt sich aber erst über die Jahre. Wird beim Einrichten an der falschen Stelle gespart, muss die Route deutlich früher saniert werden. Im schlimmsten Fall passiert das gar nicht – und genau dann steigt das Risiko für alle, die später dort klettern. Deshalb sollte schon beim Einrichten einer Route nicht nur der Preis eine Rolle spielen, sondern vor allem die Frage, wie lange die verwendeten Materialien unter den jeweiligen Bedingungen zuverlässig halten.

Nicht nur der Haken zählt

Zur Sicherheit gehört mehr als nur der Bohrhaken selbst. Auch der verwendete Kleber muss zum Material und zur Umgebung passen. Je nach Einsatzgebiet kommen unterschiedliche Harze zum Einsatz, die sich in Haltbarkeit und Beständigkeit unterscheiden. Ebenso wichtig ist die Verarbeitung. Selbst ein hochwertiger Haken bringt nichts, wenn der Kleber keine feste Verbindung mit dem Fels eingeht oder beim Setzen Fehler passieren.

Kann man schlechte Haken erkennen?

Ganz einfach ist das leider nicht. Starke Rostspuren oder offensichtliche Korrosion sind natürlich Warnzeichen. Schwieriger wird es bei Schäden im Inneren des Hakens oder im Bohrloch – die sind von außen oft nicht sichtbar. Eine Möglichkeit besteht darin, einen großen Schraubkarabiner in den Haken einzuhängen und ihn nach links und rechts zu verdrehen. Bewegt sich der Haken dabei, sollte die Route besser nicht weiter geklettert werden. Trotzdem bleibt vieles eine Einschätzung. Von außen lässt sich nie mit Sicherheit beurteilen, wie gut ein Haken tatsächlich hält.

Verantwortung endet nicht nach dem Einbohren

Wer eine Route einrichtet, übernimmt Verantwortung – nicht nur für den Moment, sondern oft für viele Jahre. Deshalb lohnt es sich, schon bei der Erschließung darüber nachzudenken, welche Materialien verbaut werden und wie langlebig sie unter den jeweiligen Bedingungen sind. Eine kurzfristig günstigere Lösung kann später deutlich höhere Kosten verursachen oder im schlimmsten Fall sogar zum Sicherheitsproblem werden. Genauso wichtig ist aber auch die Verantwortung aller Kletternden. Fällt etwas auf – lockere Haken, beschädigte Umlenker oder offensichtlich sanierungsbedürftige Routen – sollte das an die zuständigen Vereine oder Gebietsbetreuer weitergegeben werden. Nur so können problematische Stellen überhaupt bekannt werden.

Fazit

Bohrhaken wirken oft selbstverständlich. Tatsächlich steckt dahinter jedoch ein komplexes Zusammenspiel aus Material, Umgebung, Verarbeitung und langfristiger Pflege. Die meisten Haken halten zuverlässig und sind fachgerecht gesetzt. Trotzdem lohnt es sich, aufmerksam zu bleiben, offensichtliche Warnzeichen ernst zu nehmen und sich bewusst zu machen, dass Klettern am Fels immer auch Eigenverantwortung bedeutet. Gleichzeitig lebt die Sicherheit vieler Klettergebiete von Menschen, die ihre Zeit investieren, Routen sanieren und sich dauerhaft um die Infrastruktur kümmern. Ohne dieses Engagement wäre sicheres Sportklettern in vielen Gebieten kaum möglich.



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