Folge 81 | Krangel-Alarm: Alles übers Seilkrangeln & die Ursachen

Folge 81 | Krangel-Alarm: Alles übers Seilkrangeln & die Ursachen

Warum Kletterseile Krangel bekommen und wie man sie vermeidet.

Krangel im Seil sind ein typisches Problem beim Klettern. Sie reduzieren zwar nicht die Festigkeit des Seils, können aber beim Sichern, Seilausgeben und Ablassen extrem störend sein. Im schlimmsten Fall können starke Krangel sogar die Bedienung des Sicherungsgeräts beeinflussen.

Doch warum entstehen diese Verdrehungen überhaupt? Und was kann man tun, um sein Seil möglichst lange krangelfrei zu halten?

Ein Kletterseil beginnt nicht von selbst zu krangeln. Direkt nach der Herstellung ist es glatt, neutral und ohne Verdrehungen. Erst durch verschiedene Handhabungen und Belastungen entstehen die typischen Verwindungen im Seil.

Was sind Krangel im Kletterseil?

Ein Krangel entsteht durch eine Verdrehung innerhalb des Seils. Dabei kann sich beispielsweise der Seilmantel verdrehen, während der Kern des Seils seine ursprüngliche Position beibehalten möchte. Dadurch entstehen Spannungen und sichtbare Schlaufen oder Verdrehungen.

Mit der Zeit lassen sich Krangel kaum vollständig vermeiden. Es gibt aber einige typische Ursachen, die man kennen sollte – und einige Möglichkeiten, wie man die Entstehung deutlich hinauszögern kann.

Ursache 1: Das falsche Abwickeln eines neuen Seils

Bereits beim ersten Auspacken eines neuen Seils können die ersten Krangel entstehen. Nach der Herstellung werden viele Seile gehasspelt. Das bedeutet, sie werden aufgewickelt und als kompakte Seilrolle verpackt. Diese Wicklung gibt eine bestimmte Drehrichtung vor.

Wenn ein gehasspeltes Seil einfach aus der Verpackung genommen wird und man direkt damit klettern geht, übernimmt man diese Drehungen ins Seil. Bei einem 60-Meter-Seil können dadurch bereits etwa 60 Krangel entstehen.

So wird ein gehasspeltes Seil richtig abgenommen

Damit die ursprüngliche Wicklung nicht als Verdrehung im Seil bleibt, sollte das Seil genau entgegengesetzt zur üblichen Vorgehensweise behandelt werden:

  • Verpackung öffnen
  • beide Unterarme durch das Seil stecken
  • das Seil leicht auseinanderziehen und Spannung erzeugen
  • die Arme in die Richtung drehen, in der das Seil abgewickelt wurde

Dadurch wird das Seil so abgenommen, wie es ursprünglich aufgenommen wurde, und es entstehen keine zusätzlichen Verdrehungen.

Achtung bei „Ready to Climb“-Seilen

Viele moderne Seile werden inzwischen als „Ready to Climb“ ausgeliefert. Diese Seile sind bereits so vorbereitet, dass sie direkt verwendet werden können. Hier sollte man unbedingt auf die Hinweise des Herstellers achten. Wird ein Ready-to-Climb-Seil genauso ausgepackt wie ein gehasspeltes Seil, können wiederum viele Krangel entstehen.

Ursache 2: Umlenkungen am Toprope oder beim Ablassen

Eine der häufigsten Ursachen für Krangel entsteht an der Umlenkung. Wenn ein Seil über eine oder mehrere Umlenkungen läuft und sich dabei nicht frei ausrichten kann, entstehen Verdrehungen. Der Seilmantel dreht sich dabei ein, während der Kern möglichst gerade bleiben möchte. Besonders problematisch sind starre Umlenkungen, bei denen sich das Seil nicht frei bewegen kann.

Die Umlenkung möglichst beweglich gestalten

Eine einfache Umlenkung mit zwei Bohrhaken und jeweils nur einem Karabiner kann dazu führen, dass sich das Seil nicht ausreichend ausrichtet.

Besser sind Lösungen, die mehr Beweglichkeit ermöglichen:

  • Expressschlingen an beiden Seiten der Umlenkung
  • bewegliches Bandmaterial
  • zwei Karabiner hintereinander

Dadurch kann sich der untere Karabiner besser drehen und das Seil kann sich während der Belastung ausrichten. Gerade beim Toprope-Klettern sollte man darauf achten, dass die Umlenkung so aufgebaut ist, dass sich das Seil möglichst frei bewegen kann. Andernfalls arbeitet man mit jedem Meter, den geklettert wird, weitere Krangel ins Seil ein.

Krangel an der Umlenkung erkennen

Das Problem lässt sich relativ einfach beobachten: Wenn man sich langsam über eine Umlenkung ablässt, kann man bereits auf den ersten ein bis zwei Metern sehen, wie sich das Seil eindreht.

Wenn sich das Seil sichtbar verdreht, lohnt es sich, die Umlenkung noch einmal umzubauen. Auch eine Seilkreuzung kurz vor dem Top kann durch den ungünstigen Einfallswinkel dazu führen, dass sich das Seil verdreht.

Ablassen oder Abseilen: Belastete Verdrehungen sind problematischer

Beim Herausziehen des Seils nach dem Klettern entstehen ebenfalls gewisse Verdrehungen. Diese sind jedoch meist weniger problematisch, weil sie ohne Belastung entstehen. Deutlich ungünstiger ist es, wenn das Seil unter Last verdreht wird.

Sitzt eine Person im Seil und erzeugt dabei einen Twist, entstehen stärkere Krangel, die schwieriger wieder herauszubekommen sind.

Ursache 3: Sicherungsgeräte und Karabiner

Auch das Sicherungsgerät kann Einfluss darauf haben, wie stark ein Seil krangelt. Beim Sichern wird das Seil über verschiedene Radien und Kanten geführt. Dadurch entstehen unterschiedliche Reibungssituationen, die wiederum Verdrehungen verursachen können.

Besonders bekannt dafür sind:

  • HMS-Sicherung
  • Achter
  • bestimmte Kombinationen aus Sicherungsgerät und Karabiner

 

Auch Karabiner-Geometrie spielt eine Rolle

Bei Tubes, Halbautomaten und Autotubern kann die Kombination aus Gerät und Karabiner entscheidend sein.

Ein ungünstiger Seilverlauf durch den Karabiner kann zusätzliche Verdrehungen erzeugen. Hier kann es helfen, verschiedene Karabiner auszuprobieren und zu schauen, mit welcher Kombination das Seil besser läuft.

Auch der Winkel, in dem gesichert oder abgelassen wird, kann eine Rolle spielen.

Ursache 4: Das falsche Aufnehmen des Seils

Auch beim Verstauen kann man unbewusst Krangel erzeugen. Ein Seil sollte nicht einfach wie ein Ring oder wie ein Lasso aufgenommen werden. Jede gleichgerichtete Schlaufe arbeitet eine weitere Drehung ins Seil ein. Darum wird ein Seil normalerweise abwechselnd in links- und rechtsdrehenden Schlaufen aufgenommen. Dadurch gleichen sich die Verdrehungen gegenseitig aus und das Seil bleibt neutral.

Noch besser ist die Lagerung im Seilsack:

  • Das Seil wird einfach locker hineingelegt
  • es entstehen kaum Spannungen
  • Drehungen können sich besser vermeiden lassen
  • das Seil ist zusätzlich vor UV-Strahlung und Schmutz geschützt

 

Warum manche Seile schneller krangeln als andere

Nicht jedes Seil reagiert gleich empfindlich auf Verdrehungen. Ein wichtiger Faktor ist die Mantelgarnspannung.

Festere Seile

Seile mit höherer Mantelgarnspannung sind häufig:

  • schnittfester
  • abriebbeständiger

Allerdings können sie Drehungen schlechter aufnehmen. Dadurch entstehen bei ungünstigen Umlenkungen schneller Krangel.

Weichere Seile

Seile mit geringerer Mantelgarnspannung können Verdrehungen besser aufnehmen und „schlucken“. Dadurch krangeln sie weniger schnell.

Der Nachteil: Eine geringere Mantelgarnspannung kann zulasten der Schnitt- und Abriebfestigkeit gehen.

Fazit: Mit der richtigen Handhabung bleibt das Seil länger krangelfrei

Ganz vermeiden lassen sich Krangel nicht. Jedes Seil wird irgendwann anfangen, sich zu verdrehen. Viele Krangel entstehen aber nicht durch das Seil selbst, sondern durch die Art, wie es ausgepackt, umgelenkt, gesichert oder verstaut wird.

Wer auf einige Punkte achtet, kann die Lebensdauer seines Seils verlängern und vor allem das Sichern angenehmer und zuverlässiger machen:

  • neues Seil richtig abwickeln
  • Ready-to-Climb-Hinweise beachten
  • bewegliche Umlenkungen verwenden
  • ungünstige Seilwinkel vermeiden
  • passende Sicherungsgeräte und Karabiner nutzen
  • Seil sauber und drehungsfrei lagern

Denn auch wenn Krangel die Festigkeit des Seils nicht reduzieren, können sie beim Klettern unnötig stören – und manchmal sogar die Bedienung des Sicherungsgeräts erschweren.



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