Folge 98 | Sturzfaktor, Fangstoß, Schlappseil

Folge 98 | Sturzfaktor, Fangstoß, Schlappseil

Wie wirken Kräfte beim Klettern?

Maximale Belastung des menschlichen Körpers beim Klettern

Beim Klettern wird als grober Richtwert davon ausgegangen, dass der menschliche Körper Kräfte bis etwa 12 kN aushalten kann. Das entspricht ungefähr 1200 kg Kraft. Dieser Wert dient im Klettersport als Orientierung für Normen, Materialtests und Sicherungssysteme.

Sturzfaktor: Verhältnis von Fallhöhe und Seillänge

Der Sturzfaktor beschreibt das Verhältnis zwischen der Fallhöhe und der Länge des ausgegebenen Seils. Er ist eine zentrale Kenngröße zur Einschätzung der Sturzbelastung.

Formel:
Sturzfaktor = Fallhöhe / Seillänge

Beispiel 1: Extremfall

2 m ausgegebenes Seil, 4 m Sturz → 4 / 2 = Sturzfaktor 2 (maximaler Wert)

Beispiel 2: Realistischer Fall

10 m Seil, 3 m Sturz → 3 / 10 = Sturzfaktor 0,3

Grundsätzlich gilt: Je höher der Sturzfaktor, desto höher die Belastung auf das Sicherungssystem.

Fangstoß: Die Kraft im Sturzmoment

Der Fangstoß ist die maximale Kraft, die im Moment der maximalen Seildehnung auf den Körper wirkt. Also genau dann, wenn das Seil maximal belastet ist und die Energie nicht weiter aufgenommen werden kann. Der Fangstoß lässt sich nicht einfach direkt aus dem Sturzfaktor berechnen, da viele Faktoren gleichzeitig einwirken.

Faktoren, die den Fangstoß beeinflussen

  • Elastizität und Dehnung des Seils
  • Bewegung des Sichernden (aktiv, passiv, mitlaufend)
  • Bremsweg im Sicherungssystem
  • Körperdynamik von Kletterer und Sicherndem
  • Reibung im Seilverlauf
  • Position und Verlauf der Exen
  • Eigenschaften des Sicherungsgeräts

Entscheidend ist die Fähigkeit des Gesamtsystems, Energie über Zeit und Strecke abzubauen.

Sicherungsgeräte und Durchlaufwerte

Sicherungsgeräte unterscheiden sich darin, ab welcher Kraft Seil durch das Gerät läuft. Dieser Durchlauf beeinflusst die Sturzdynamik erheblich.

Typische Richtwerte

  • Tube: ca. 1,7 – 2,3 kN
  • HMS: ca. 1,5 – 2,4 kN
  • Achter: unter ca. 2 kN
  • Halbautomaten (z. B. GriGri): deutlich höher bzw. blockierend

Je früher Seil durchläuft, desto dynamischer wird der Sturz.

Einfluss des Körpergewichts auf den Fangstoß

Bei gleichen Bedingungen steigt der Fangstoß mit höherem Körpergewicht deutlich an. Hier ein Beispiel mit fixen Werten. Nur das Körpergewicht erhöht sich:

  • 20 kg → ~1,5 kN
  • 45 kg → ~2,5 kN
  • 80 kg → ~3,5 kN

 

Messwerte aus Praxisversuchen (Petzl)

Sturzfaktor 0,3

  • Kletterer: ~2,5 kN
  • Umlenkpunkt: ~4 kN
  • Sichernder: ~1,5 kN

Sturzfaktor 0,66

  • Kletterer: ~3 kN
  • Umlenkpunkt: ~5 kN
  • Sichernder: ~2 kN

Sturzfaktor 1

  • Kletterer: ~4 kN
  • Umlenkpunkt: ~6 kN
  • Sichernder: ~2 kN

 

Faustregeln zur Einordnung von Sturzkräften

  • Sturzfaktor 0,3–0,5 → ca. 2–5 kN
  • Sturzfaktor 1 → ca. 4–8 kN
  • Sturzfaktor 2 → ca. 9–12 kN (Maximalbereich)

Je höher der Sturzfaktor, desto höher in der Regel auch der Fangstoß.

Reibung im System und Seilverlauf

Ein reibungsarmer Seilverlauf ist entscheidend für eine gleichmäßige Energieaufnahme über die gesamte Seillänge. Hohe Reibung (z. B. ungünstige Exenposition oder Umlenkungen) reduziert die effektiv arbeitende Seillänge. Dadurch steigen sowohl Fangstoß als auch Belastung im System.

Aktives Sichern und Slack

Die Sicherungstechnik hat großen Einfluss auf die Sturzkräfte. Aktives Sichern (Mitgehen, Absprung) verlängert den Bremsweg und reduziert den Fangstoß. Slack kann je nach Situation unterschiedliche Effekte haben. Bei niedrigen Sturzfaktoren kann mehr Slack den Sturzfaktor leicht erhöhen. Bei hohen Sturzfaktoren kann zusätzlicher Slack den Sturzfaktor reduzieren und den Sturz weicher machen. Entscheidend ist immer die konkrete Situation (Höhe, Abstand zum Boden, Exenposition, mögliche Kollisionsgefahren).

Seildehnung: dynamisch vs. statisch

Die dynamische Seildehnung beschreibt die Dehnung im Sturzfall. Nach Norm bis ca. 40 % zulässig, um Bodenstürze zu vermeiden. Die statische Seildehnung hingegen ist die Dehnung bei Belastung ohne Sturz, z. B. beim Hängen im Toprope.

Normsturz nach EN 892

Normstürze testen die Belastbarkeit von Kletterseilen unter standardisierten Extrembedingungen.

  • Fallmasse: 80 kg
  • Fallhöhe: 4,80 m
  • Sturzfaktor: 1,75
  • Mindestens 5 Normstürze müssen gehalten werden
  • Maximaler Fangstoß: 12 kN
  • Maximale Mantelverschiebung: ca. 1 %

Die meisten modernen Seile übertreffen diese Mindestanforderungen deutlich.

Fazit

Sturzfaktor, Fangstoß, Seildehnung und Sicherungstechnik sind eng miteinander verknüpft. Entscheidend ist nicht nur ein einzelner Wert, sondern das Zusammenspiel aus Seil, Sicherung, Reibung und menschlichem Verhalten im System.



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